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Rede von Ulrich Schneider (MdB):
Aktionstag Zabergäubahn, 25. Februar 2012
Sehr geehrte Frau Staatssekretärin, liebe Gisela,
Frau Schreck, meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
ich freue mich, heute hier sein zu können und ich freue mich über die tolle Beteiligung an diesem Aktionstag, der den Menschen im Zabergäu und den Politikerinnen und Politkern im Kreis Heilbronn und im Land die Zabergäubahn wieder ins Bewusstsein ruft!
Gestern wurde in der Heilbronner Stimme die Frage nach dem Realismus im Zusammenhang mit der Zabergäubahn gestellt.
· Klar, dieses Projekt ist nicht aus der Portokasse zu bezahlen. Es wird ein finanzieller Kraftakt für die Kommunen und den Kreis werden.
· Klar, die Zabergäubahn kommt nicht morgen. Es sind noch viele Schritte nötig, bis hier wieder Schienen liegen werden.
· Und klar, ohne ein Umdenken bei Verkehrsprojekten auf Bundesebene wird auch die grün-rote Landesregierung nicht die nötigen Mittel zur Verfügung haben.
Soll man deshalb gleich aufgeben oder andere Wege suchen?
Sollen wir in den Ruf nach mehr Straßen im Zabergäu einstimmen, um noch mehr Autos auf diese neuen Straßen zu stellen?
Sollen wir uns mit einem Zabergäubussystem zufrieden geben, das über die Dörfer zuckelt?
Meine Antwort ist klar: NEIN!
Auch wenn die Bahn nicht sofort kommt, so müssen doch endlich Schritte in diese Richtung getan werden. Der Kreistag hat in diesem Jahr Gelder eingestellt und es muss jetzt ein ehrliches Gutachten erstellt werden, bei dem nicht schon vorher klar ist, dass ein Bus alle Verkehrsprobleme löst.
Auch wenn es auf allen Ebenen an Geld fehlt, so muss doch geprüft werden, wie solche sinnvollen Verkehrsprojekte mittelfristig realisiert werden können. Die Landesregierung hat sich nach Jahrzehnten der reinen Auto- und Straßenpolitik endlich auf einen anderen Weg gemacht. Ich bin zuversichtlich, dass die Zabergäubahn auf diesem Weg mitgedacht und mitgerechnet wird.
Und Staatssekretärin Gisela Splett hört ja auch heute nicht zum ersten Mal von diesem Projekt. Es spielt im Verkehrsministerium eine Rolle und die Anträge aus dem Heilbronner Landratsamt werden wohlwollend geprüft werden.
Eine Bemerkung noch zu den Kosten: Nach bisherigen Berechnungen kostet der Bau der Bahn großzügig gerechnet und inklusiv der Züge 50 Mio. Euro. Das ist viel Geld.
Auch wenn Stuttgart 21 jetzt gebaut wird und selbst wenn es im Kostenrahmen bleiben würde, woran ohnehin niemand glaubt, wird dieser vergrabene Bahnhof 4,5 Mrd. Euro kosten. Mit dem Geld für Stuttgart 21 könnte die Zabergäubahn 90 Mal gebaut werden! 90 Zabergäubahnen in Baden-Württemberg – was würde der Verkehrsinfrastruktur im Land wohl mehr helfen?!
Das macht doch deutlich, dass wir nicht nachlassen dürfen, sinnvolle und richtige Verkehrsprojekte zu fordern und auf allen Ebenen dafür kämpfen müssen. Dass wir jetzt vom Kreistag und vom Landrat eine ordentliche Untersuchung der Machbarkeit fordern müssen. Und dass wir das Umsteuern der Landesregierung bei Verkehrsprojekten unterstützen müssen.
Vor zwei Jahren hätte kaum einer von uns hier gedacht, dass heute eine Grüne Staatssekretärin zum Aktionstag Zabergäubahn kommen würde. Politik verändert sich und wir allen können sie mitverändern!
Ich bin gespannt, wo das Projekt Zabergäubahn in 2 Jahren stehen wird!
Dankeschön!
Rede von Staatssekretärin Gisela Splett MdL
anlässlich von Entrodungsarbeiten an der Trasse der Zabergäubahn
durchgeführt vom Verein Zabergäu pro Stadtbahn e.V.
am 25.02.2012, um 12.30 Uhr im Alten Bahnhof Brackenheim
Es gilt das gesprochene Wort
I. Begrüßung
Lieber Ulrich Schneider (MdB),
liebe Frau Schreck, (Vereinsvorsitzende)
lieber Herr Winkler, (Vereinsvorsitzender)
liebe Mitglieder des Vereins Zabergäu pro Stadtbahn,
liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
zunächst möchte ich Ihnen allen, die Sie sich unermüdlich für die Reaktivierung der Zabergäubahn einsetzen, und dies auch heute wieder einmal mehr durch die Entrodungsarbeiten ganz konkret sichtbar machen, meine Anerkennung aussprechen. Mit den Worten von Ministerpräsident Kretschmann kann man sagen: Sie betreiben hier „Graswurzeldemokratie“.
Ihr jahrelanger Einsatz für die Reaktivierung der Zabergäubahn ehrt Sie alle. Es tut mir wirklich außerordentlich leid, dass ich hier heute nicht stehen und Ihnen sagen kann:
1. Das Geld für die Reaktivierung der Zabergäubahn, für den Ausbau der Infrastruktur ist da, und
2. Das Geld für den Betrieb der Stadtbahn auf der Zabergäubahn ist da.
Dies finde ich umso bedauerlicher, da die Ziele, die der Verein Zabergäu pro Stadtbahn e.V. verfolgt, mit dem Konzept der Landesregierung für eine nachhaltige Mobilität übereinstimmen. Wir wollen auch und gerade im ländlichen Raum mehr Menschen dazu bewegen, auf die Schiene umzusteigen. Hier im Zabergäu böte die Stadtbahn eine echte Alternative zum motorisierten Individualverkehr. Dies gilt für die für die vielen Berufspendlerinnen und Berufspendler für die Fahrt an den Arbeitsplatz und es gilt für die touristische Erschließung des Zabergäus. Andere Regionen zeigen, dass die touristische Erschließung des ländlichen Raums mit dem SPNV angenommen wird. Dies kann auch für das Zabergäu gelten.
Was sind nun die Gründe, warum auch die grün-rote Landesregierung nicht jetzt sofort das „Go“ geben kann für die Reaktivierung der Zabergäubahn?
Zum einen die Finanzsituation bei der ÖPNV Infrastrukturförderung, zum anderen die Situation bei den für die Bestellung von SPNV Leistungen zur Verfügung stehenden Regionalisierungsmitteln.
II. Finanzsituation bei der ÖPNV Infrastrukturförderung
Die Förderung von Infrastrukturvorhaben des öffentlichen Personennahverkehrs erfolgt durch Mittelzuweisungen durch den Bund. Dies geschieht bei Großvorhaben im Rahmen des GVFG Bundesprogrammes und für für Kleinvorhaben im Rahmen des ÖPNV- Landesprogramms.
Das GVFG Bundesprogramm dient der Förderung von ÖPNV Infrastrukturvorhaben mit zuwendungsfähigen Kosten von über 50. Mio. Euro. In Baden-Württemberg sind dies etwa der Aus- und Neubau von Stadt- und Straßenbahnen in Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Heidelberg, Ulm und Freiburg. Auch der Ausbau der Stadtbahn Heilbronn – Nord fällt in dieses Bundesprogramm. Nur: Die Zabergäubahn ist derzeit nicht Teil dieses Projektes. Ein entsprechender Antrag zur Förderung liegt dem Land nicht vor.
Das Bundesprogramm läuft zum 31.12.2019 aus. Bisher hat sich der Bund noch nicht zu der Frage geäußert, ob es eine Nachfolgeregelung geben wird. Zwar hat der Bundesverkehrsminister vor einigen Wochen in Reutlingen bei einer Veranstaltung gesagt, man wolle dies angehen, etwas Konkretes ist jedoch noch nicht bekannt. Ob eine Aufnahme der Zabergäubahn in das bestehende Projekt Stadtbahn Heilbronn vor diesem Hintergrund möglich und sinnvoll ist, wäre zu prüfen.
Es ist im Übrigen primär Sache des Bundes sich hier möglichst rasch zu erklären, wie es nach 2019 weitergeht. Denn nicht nur in Baden-Württemberg ist eine Nachfolgeregelung dringend erforderlich. Nicht nur hier im Zabergäu, sondern in ganz Baden-Württemberg haben wir Projekte, die weit über den Zeitraum 2019 hinaus reichen werden. Klar ist auch, die Länder können ohne Unterstützung des Bundes solche Großmaßnahmen mit einem Volumen von über 50 Mio. Euro nicht stemmen.
Betrachtet man die Zabergäubahn nicht als Teil der Stadtbahn Heilbronn, sondern als eigenes Projekt, so fällt sie mit einem Investitionsvolumen von rund 30 Mio. Euro in das ÖPNV Landesprogramm. Innerhalb dieses Programms stehen für Maßnahmen im kommunalen Straßenbau und im ÖPNV jährlich 165,5 Mio. Euro zur Verfügung. Auch hier setzt die grün-rote Landesregierung Akzente, indem wir den bisherigen Verteilungsschlüssel - 60% der 165 Mio. Euro für den kommunalen Straßenbau und 40% für den ÖPNV schrittweise umkehren.
Leider ist auch dieses Programm überzeichnet. Es wird aus Mitteln des Bundes gespeist, der Bund stellt ebenfalls zum 31.12.2019 die Zahlungen ein.
Im Landesprogramm sind bis 2015 schon 485 Vorhaben mit dem Fördervolumen von 1,6 Mrd. Euro enthalten. Es verbliebe somit bis zum Jahr 2019 noch ein rechnerischer Förderkorridor für Neuvorhaben von 340 Mio. Euro. Dies gilt, dass muss man der Ehrlichkeithalber dazusagen, vorbehaltlich der Revision der Höhe der Entflechtungsgesetzmittel durch den Bund. Der Bund wird gemeinsam mit den Ländern bis 2013 prüfen in welcher Höhe ab dem 01.01.2014 noch Mittel fließen werden. Es ist derzeit also ungeklärt, in welcher Höhe ab 2014 vom Bund überhaupt Mittel zur Verfügung gestellt werden. Der Vorschlag des Bundesministeriums für Finanzen geht dahin, die Kompensationszahlungen ab 2014 bis zum Auslaufen im Jahr 2019 um jährlich 15% auf Null abschmelzen.
Was bedeutet dies für die Zabergäubahn? Unter Umständen sind Mittel im Landes ÖPNV-Gesetz vorhanden. Wird ein Antrag gestellt, und der Presse konnte ich entnehmen, dass der Landkreis ja 60.000,00 Euro für ein neues Gutachten eingeplant hat, so besteht die Möglichkeit, dass die Zabergäubahn in das Landesprogramm aufgenommen werden kann. Ich möchte hier aber nicht vorschnell Hoffnungen schüren, dass eine solche Förderung tatsächlich erfolgen kann. Dazu sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Rahmenbedingungen einfach noch zu unklar.
III. Finanzsituation bei den Regionalisierungsmitteln
Neben den Kosten für die Wiederherstellung der Zabergäubahn sind in einem zweiten Schritt dann auch die Anschaffungskosten für die notwendigen Fahrzeuge und schließlich die Betriebskosten zu betrachten.
Bis zum Jahr 2016 laufen in Baden-Württemberg die bestehenden Verkehrsverträge mit der DB-Regio und vielen anderen Unternehmen. Das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur bereitet derzeit die Neuvergabe aller SPNV Leistungen von Baden-Württemberg vor. Wir reden hier von einem Umfang von ca. 80 Mio. Zugkilometern im Jahr. Hierfür wenden wir derzeit jährlich ca. 700 Mio. Euro auf, die dem Land vom Bund zweckgebunden als sogenannte Regionalisierungsmittel zur Verfügung gestellt werden. Mit diesen 700 Mio. Euro decken wir die laufenden Betriebskosten im Schienenpersonennahverkehr in Baden-Württemberg ab. Für die Zabergäubahn würde hier wohl ein Betrag von 3 Mio. Euro pro Jahr anfallen. Nun in Anbetracht von 700 Mio. Euro zur Verfügung stehenden Mitteln erscheint dies gering, nur dieser Betrag will eben auch finanziert sein und er steht in Konkurrenz zu Wünschen aus vielen anderen Regionen.
IV. Schluss
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich habe versucht Ihnen so realistisch wie möglich die Rahmenbedingungen, was die Reaktivierung der Zabergäubahn angeht, darzustellen. Ich kann Ihnen versichern, wenn der Landkreis auf das Ministerium für Verkehr und Infrastruktur zukommen wird, werden wir wohlwollend prüfen. Ich möchte abschließend jedoch nochmals auf die finanziellen Rahmenbedingungen hinweisen.
Für Ihren unermüdlichen Einsatz für die Zabergäubahn, ein richtiges und wichtiges Projekt des SPNV, möchte ich allen Beteiligten, abschließend nochmals danken.
Boden im Spannungsfeld verschiedener Interessen.....
Eine Veranstaltung des Evangelischen Bauernwerkes Hohebuch
Zu dieser Veranstaltung sind alle interessierten BürgerInnen herzlich eingeladen.
Genaue Informationen finden sie unter nachfolgendem Link:
Ein offener Brief von Boris Palmer
Das habe ich für die Bewegung gegen Stuttgart 21 geschrieben.
Nur gute Verlierer können gewinnen
Ein Appell an die Bewegung für den Erhalt des Stuttgarter Kopfbahnhofs
Wir haben verloren. Es gibt keine Mehrheit im Land und in der Stadt für einen Ausstieg aus Stuttgart 21. Das ist schmerzlich. Und nicht leicht zu verstehen. Aber nur wenn wir uns das eingestehen, können wir nach vorne blicken. Und dann ist vielleicht auch noch nicht alles verloren.
Der 27. November war eine Zäsur im Streit um Modernisierung oder Zerstörung des Stuttgarter Kopfbahnhofs. Seit diesem Tag ist der politische Widerstand gegen Stuttgart 21 beendet. Wenn das Volk gesprochen hat, muss die Politik schweigen. Mit dem bürgerschaftlichen Widerstand gegen das Projekt verhält es sich anders. Protest ist auch zulässig, wenn die Entscheidung abschließend gefallen ist. Und wir können stolz darauf sein, dass dieser Protest bis zum heutigen Tag fast immer und zu jeder Zeit friedlich geblieben ist.
Jetzt, da der Abriss des Südflügels begonnen hat und das Eisenbahnbundesamt die Genehmigung zum Fällen der Bäume im Schlossgarten erteilt hat, wachsen aber erneut Streit, Ärger und Verbitterung. Die Wut richtet sich zunehmend gegen die Landesregierung und besonders gegen deren grünen Teil. Immer lauter werden Verrats- und Betrugsvorwürfe. Die Lage eskaliert weiter, weil die Bahn sich unter Zeitdruck setzt. Sie will am 29. Februar das Baufeld im Park frei haben, damit sie nicht wieder auf einen 1. Oktober warten muss. Ein solcher Zeitdruck ist extrem gefährlich. Die Ereignisse des 30. September 2011 wären nicht erklärbar ohne den damals von der Politik verordneten Zeitdruck, die Fläche für das Grundwassermanagement in der Nacht des 1. Oktober von Bäumen zu befreien.
In dieser Situation ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren und die eigene Lage offen und ehrlich zu analysieren. Ich möchte hierzu meinen Teil beitragen.
Warum haben wir die Volksabstimmung verloren? Die Antworten, die ich auf diese Frage in zahlreichen Briefen und Diskussionsforen lese, lassen erkennen, dass die Niederlage für viele von uns weder akzeptiert noch verarbeitet ist. Im Kern läuft die Argumentation darauf hinaus, dass die Bevölkerung hinters Licht geführt worden sei und sich anders entschieden hätte, wenn sie die Wahrheit erfahren hätte. Ausgeschmückt wird diese These mit vielen zutreffenden Hinweisen auf irreführende Informationen und die finanzielle und organisatorische Übermacht der Kampagne gegen den Ausstieg.
Ja, es stimmt, dass die Ausstiegskosten mit 1,5 Milliarden Euro maßlos übertrieben wurden. Ja, es stimmt, dass allein der Verband Region Stuttgart eine Million Euro in eine Kampagne investiert hat, die nur notdürftig als Information getarnt wurde. Ja, es stimmt, dass der Brief des Oberbürgermeisters an alle Haushalte in Stuttgart in Form und Inhalt unangemessen war. Ja, es stimmt, dass die Bahn sich um einen echten Stresstest herum gemogelt hat. Ja, es stimmt, dass die wahre Leistungsfähigkeit des Kopfbahnhofs bewusst klein geredet wurde. Ja, es stimmt, dass die Kosten des Projekts noch immer geschönt sind und die dicke Rechnung am Ende kommt. Ja, es stimmt, dass die Planung des Projekts noch immer von erschreckendem Dilettantismus geprägt ist. Ja, es stimmt, dass für wichtige Abschnitte des Projekts nicht einmal eine vernünftige Planung vorliegt.
Wir würden uns aber etwas vormachen, wenn wir glauben, die Leute, die gegen den Ausstieg votiert haben, hätten dies alles nie gehört und sich anders entschieden, wenn sie nicht einer Propaganda aufgesessen wären. Verfallen wir nicht den Dünkel der Gegner der direkten Demokratie, die glauben, das Volk sei nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen. Wenn wir trotz der besseren Argumente in der Sache verloren haben, dann muss es dafür auch Gründe gegeben haben.
Ein genauer Blick auf die Wahlergebnisse im Land zeigt, dass man dafür einige sehr klar benennen kann. So ist auffällig, dass die Mehrheiten gegen den Ausstieg in ländlichen Gebieten Baden-Württembergs besonders groß waren. Vereinfacht gesagt ist die Zustimmung zu Stuttgart 21 in einem Landkreis umso größer, je weniger Züge dort verkehren. Aus dieser Beobachtung wird sofort klar, dass all unsere guten Argumente für den Kopfbahnhof und gegen den Engpass unter der Erde gar nicht fruchten konnten, weil sie für viele Menschen im Land gar keine Rolle spielten. Wenn es aber gar nicht um den Bahnverkehr ging, dann war etwas anderes entscheidend. Und das kann nur die Aufladung des Projekts mit den Begriffen Fortschritt und Wohlstand gewesen sein. Wir haben uns nicht genügend Mühe gemacht, dieses große Märchen zu entlarven und stattdessen lieber Züge in der Spitzenstunde gezählt.
Eine zweite Beobachtung: Die Zustimmung ist im oberschwäbischen Raum immens groß. Von Ulm bis Friedrichshafen hat Stuttgart 21 eine Mehrheit von über zwei Dritteln erhalten. Andererseits gibt es Mehrheiten gegen Stuttgart in ganzen Landkreisen nur im badischen und bevorzugt im südbadischen Raum. Daraus kann man ableiten, dass außerhalb Stuttgarts die städtebaulichen Fragen in Stuttgart kaum interessiert haben. Das Denkmal Bonatzbau und der Park waren dein meisten Menschen im Land ziemlich egal. Die badischen Seite hat offenkundig wenig Neigung verspürt, im schwäbischen Landesteil Geld auszugeben. Den Oberschwaben kann man zutrauen, dass Sie auch nicht für mehr Ausgaben in Stuttgart gestimmt haben, sondern für ihre Neubaustrecke. Es ist der Fraktion um Ulms OB Ivo Gönner also gelungen, die These zu verbreiten, dass die Neubaustrecke nur kommt, wenn der Ausstieg aus Stuttgart 21 abgelehnt wird. Dazu haben wir mit der Uneinigkeit über Sinn und Unsinn der Neubaustrecke auch selbst gute Zuarbeit geleistet.
Die dritte Beobachtung: In Stuttgart und im ganzen Land gibt es eine starke Korrelation der Ergebnisse mit den Wahlergebnissen der Grünen und der CDU. Wo die Grünen stark sind, wie im Talkessel, in Freiburg oder in Tübingen, überwiegt die Ablehnung von Stuttgart 21. Wo die CDU stark ist, in den Stuttgarter Vororten und auf dem Land, überwiegt die Zustimmung zu Stuttgart 21. Wer die CDU am Wahlabend erlebt hat, weiß dass sie die Volksabstimmung als Revanche für die Niederlage bei Landtagswahl begriffen und entsprechend genutzt hat. Dafür spricht auch, dass die Umfragen eine Woche vor der Abstimmung haben das Ergebnis fast exakt vorweggenommen haben. Da die Beteiligung an der Abstimmung prozentual wesentlich niedriger war als an der Befragung, war die Mobilisierung des Nein-Lagers genau so groß wie im Ja-Lager. Das war nicht zu erwarten und zeigt, wie hoch motiviert die CDU gewesen ist. Auch dazu haben wir mit den Lügenpack-Parolen, einer Mappschiedsparty und vielen Attacken auf eine waidwunde CDU erklecklich beigetragen.
Die vierte Beobachtung: Die Ergebnisse in den Kreisen der Region Stuttgart sind besonders deutlich für Stuttgart 21 ausgefallen. Man muss zugeben, dass schon am Kesselrand die Mehrheit gegen Stuttgart 21 endet. Offensichtlich sind die Versprechungen für deutliche Verbesserungen im Regionalverkehr auf fruchtbaren Boden gefallen. Wir haben es nicht geschafft, die Nachteile für die S-Bahn und das Bahnsystem verständlich zu transportieren. Und auch in der Region war den Menschen der Schlossgarten, das Mineralwasser und der Bahnhofsbau offenkundig nicht so wichtig wie vielen treibenden Kräften des Widerstands in der Stadt selbst.
Ich fürchte aber, es kommt noch etwas hinzu: Die teilweise mythische Überhöhung des Widerstands hat viele Menschen abgeschreckt. Ganz sicher kann man das von Demonstrationen sagen, die durch Blockaden von Hauptverkehrsstraßen den Verkehr in der Innenstadt zum Erliegen gebracht haben. So manches Nein war ein Nein zu Staus am Montag Abend. So sehr eine Bewegung Symbole und Identifikationspunkte benötigt, manches Gelöbnis und mancher Superlativ zum Denkmal- und Naturschutz hat außerhalb der Bewegung Unverständnis erzeugt und zur Niederlage beigetragen. Das gilt noch stärker für Unduldsamkeit und verbale Aggression, die es auf unserer Seite auch gegeben hat.
Das heißt nun alles nicht, dass wir unsere Niederlage vollständig selbst verschuldet haben. Es heißt schon gar nicht, dass die Grünen in der Landesregierung alles richtig gemacht hätten. Sehr wohl zeigt diese Analyse aber, dass wir die Abstimmung nicht gewonnen hätten, auch wenn alle Kritikpunkte, die aus unserer Bewegung jetzt immer wieder vorgetragen werden, berücksichtigt worden wären.
Ich greife exemplarisch ein Beispiel heraus: Dem Verkehrsministerium wird immer wieder vorgeworfen, es habe keine Studie zur wahren Leistungsfähigkeit des Kopfbahnhofs beauftragt und damit die Abstimmung fast schon verloren gegeben. Nach der hier vorangestellten Analyse hätte diese Studie aber die Nein-Sager überhaupt nicht beeinflusst, weil die Leistungsfähigkeit des Bahnhofs sie einfach nicht interessiert hat. Wenn es einen Zeitpunkt gab, zu dem die Debatte über die Leistungsfähigkeit eine Rolle gespielt hat, dann waren es die Minuten vor dem Schlichterspruch. Und da war es allein mein Fehler, nicht die reale Leistung des Kopfbahnhofs, sondern die Fahrplanleistung 2010 zum Maß aller Dinge zu machen. Davon sind wir nie wieder runter gekommen.
Nun ist Selbstkritik immer hart. Sie hat aber auch etwas Reinigendes. Aus der Katharsis kann man neue Kraft schöpfen. Das unterscheidet sie von der Konstruktion von Verratsvorwürfen und der Suche nach Schuldigen ganz wesentlich. Erschreckend finde ich dabei, dass mittlerweile auch die Unwahrheiten der Pro-Seite bereitwillig weiter verbreitet werden, um die Grünen zu Schuldigen zu machen. Dazu gehört zum Beispiel die Behauptung, die Grünen hätten im Bundestag oder dem Aufsichtsrat der Bahn dem Projekt Stuttgart 21 zugestimmt.
Allen, die nun mit allerlei Indizienbeweisen zu belegen versuchen, dass die Grünen nur die Wahl gewinnen und nie das Projekt zu verhindern versuchten, kann ich mit bestem Wissen und Gewissen sagen: Das ist nicht wahr. Auch wenn es stimmt, dass nicht alle grünen Abgeordneten Stuttgart 21 für das Zentrum des Regierungshandelns halten, kann ich für den Ministerpräsidenten und den Verkehrsminister die Hand ins Feuer legen. Ich war von den Koalitionsverhandlungen bis zum Nachmittag der Abstimmung in alle wesentlichen Strategiebesprechungen eingebunden und habe viele Telefonate geführt. Winfried Kretschmann und Winfried Hermann haben das Versprechen, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um das Projekt zu beenden, eingelöst. Sie mussten nur feststellen, dass diese Macht begrenzt ist. Und ehrlich gesagt: Darüber sollten wir froh sein, denn das ist Demokratie.
Wenn die Grünen in der Regierung nun nicht mehr das sagen, was wir gerne von ihnen hören würden, dann darf dabei nicht vergessen werden, wie sehr unsere Position durch das Ergebnis der Volksabstimmung erschüttert wurde. Eine klare Mehrheit in Stuttgart gegen das Projekt hätte zumindest gezeigt, dass nur die trickreiche Umgehung des Bürgerentscheids durch Wolfgang Schuster Stuttgart 21 gerettet hat. Selbst das können wir jetzt nicht mehr mit Sicherheit wissen, auch wenn der Ausstieg vielen Menschen im Jahr 2007 viel leichter gefallen wäre. In dieser Lage würden grüne Politikerinnen und Politiker sich dem Vorwurf der Uneinsichtigkeit und fehlenden Respekts vor der Mehrheit aussetzen, wenn sie einfach weiter gegen Stuttgart 21 argumentieren. Selbst berechtigte Kritik wird von vielen Medien und vielen Menschen sofort als Beweis dafür interpretiert, dass die Grünen noch immer versuchen, das Projekt zu Fall bringen. Genau das wünschen wir uns natürlich, und genau das dürfen die Grünen auf keinen Fall tun.
Ist nun alles verloren? Ich glaube nicht. Stuttgart 21 kann politisch nicht mehr gestoppt werden. Aber das Projekt kann sehr wohl an seinen eigenen Mängeln scheitern. Die Planungsfehler werden immer offensichtlicher. Die Kostenexplosion ist nur eine Frage der Zeit. Das Projekt ist noch nicht unumkehrbar.
Das hilft dem Südflügel nicht mehr. Und vermutlich auch nicht den Bäumen im Park. Diese traurige Realität muss man hinnehmen, nicht still, aber friedlich. Für den Bahnverkehr besteht aber noch immer Hoffnung. Das Projekt kann aufgegeben, modifiziert oder ergänzt werden. Schon die Debatte um den Filderabschnitt zeigt, dass zumindest die teure Zerstörung der Leistungsfähigkeit des Bahnknotens Stuttgart nicht zwingend real werden muss. Das ist für alle, die den Bahnhof und den Park schützen wollten kein Trost, aber trotzdem wichtig.
Wenn wir uns dieser harten Wirklichkeit stellen, können wir auch mit neuer Kraft fordern, dass die Projektträger sich an Recht und Gesetz halten müssen. Natürlich darf es sich nicht wiederholen, dass ein Gericht feststellt, dass Baumfällungen widerrechtlich erfolgt sind, wenn es die Bäume nicht mehr gibt. Andererseits impliziert die Forderung, dass die Bahn alle Genehmigungen erreichen soll, bevor sie abholzt, dass man das auch akzeptiert, wenn tatsächlich alles rechtssicher entschieden sein sollte. Dabei heißt akzeptieren ja nicht begrüßen. Man kann Baumfällungen auch schweigend betrauern, wenn sie rechtmäßig sind.
Liebe Freunde des Kopfbahnhofs, ich weiß, das vielen von uns das Herz blutet oder das Messer in der Tasche aufgeht, wenn das Abrisswerk im Herzen Stuttgarts nun seinen Lauf nimmt. In vielen Begegnungen höre ich auch, dass zur Enttäuschung mittlerweile die Verletzungen kommen, die sich aus der Häme mancher siegreicher Proler ergeben. Nicht allen ist es gelungen, gute Sieger zu sein. Für die Frage, was diese Bewegung am Ende erreicht hat, wird es eine wesentliche Rolle spielen, ob wir der Versuchung widerstehen, die Niederlage zu verneinen. Als gute Verlierer können wir noch immer viel gewinnen.
11/28/11
LaVo zum Ausgang der Volksabstimmung
Erklärung des Landesvorstandes von Bündnis 90/Die Grünen
Baden-Württemberg zum Ergebnis der Volksabstimmung
zum Stuttgart21-Kündigungsgesetz
1. Wir akzeptieren das Ergebnis der Volksabstimmung, auch wenn es nicht in unserem Sinne ist.
Natürlich sind wir darüber enttäuscht. Andererseits war es gut, mit dieser Volksabstimmung einen
wichtigen Schritt zu mehr Bürgerbeteiligung und weniger Politikverdrossenheit gemacht zu haben.
Es war der richtige Weg die Bürgerinnen und Bürger in dieser Frage entscheiden zu lassen. Die
Grün-Rote Landesregierung hat dies ermöglicht. Ganz Deutschland wird von dem neuen Umgang
mit Konflikten profitieren. An mehr direkter Demokratie und an frühzeitiger Beteiligung von
Bürgerinnen und Bürgern bei der Planung und Durchführung von Großprojekten führt kein Weg
mehr vorbei.
2. Die Wahlbeteiligung ist ein Erfolg. Mit 48,3 Prozent ist sie sehr hoch – der höchste Wert in einem
Bundesland bei einer Volksabstimmung ohne gleichzeitige Wahl überhaupt. Die hohe
Wahlbeteiligung zeigt den Wunsch der Bevölkerung, gefragt zu werden, und ist das Ergebnis
einer gelungenen Mobilisierung: Die Landesregierung hat die Bürgerinnen und Bürger umfassend
über das Projekt und über die Frage, die zur Abstimmung stand, aufgeklärt. Die Medien haben
wochen-, ja monatelang ausführlich berichtet. Wir haben gemeinsam mit dem Landesbündnis, mit
den Bündnissen vor Ort, Initiativen und vielen Engagierten bis zum Schluss gekämpft und damit
ein Zeichen gegen Politikverdrossenheit gesetzt. Den vielen Unterstützerinnen und Unterstützern
gilt unser besonderer Dank.
3. Wir halten das Projekt weiterhin für inhaltlich falsch. Wir werden aber unseren grundsätzlichen
Protest gegen Stuttgart 21 beenden. Die Landespartei sieht ihre Aufgabe weiterhin in der
konstruktiv-kritischen Begleitung des Bauvorhabens und nicht darin, den Protest auf die Straße zu
bringen. Wir erwarten, dass die Versprechungen der Befürworter erfüllt und die Bedenken der
Gegner ernst genommen werden. Engagement, Sachkenntnis, Kompetenz der Bewegung gegen
Stuttgart 21 müssen genutzt werden. Dafür werden wir im engen Dialog mit der Bewegung
bleiben. Die Landespartei sieht sich als ein Bindeglied zwischen Zivilgesellschaft und Regierung.
Wir gehen davon aus, dass weitere Proteste gegen Stuttgart 21 und insbesondere an der Baustelle
gewaltfrei vonstatten gehen.
4. Wir werden auf die vertraglichen Vereinbarungen bestehen, auch was die Kosten betrifft: Der
Kostendeckel für Stuttgart 21 gilt weiterhin. Die Deutsche Bahn AG fordern wir auf, unverzüglich
ihrer Informationspflicht nachzukommen und für Kostentransparenz zu sorgen.
5. Die Bahn hat den Ausbau der Gäubahn, der Südbahn und der Rheintalbahn versprochen. Wir
erwarten, dass diese wichtigen Infrastrukturprojekte umgesetzt werden.
6. Wir setzen unsere Politik des Gehörtwerdens, der Transparenz und Bürgerbeteiligung fort. Wir
appellieren an alle Fraktionen im Landtag von Baden-Württemberg, sich auf eine
Verfassungsänderung mit signifikanten Verbesserungen für die direkte Demokratie zu einigen. Ziel
muss sein, die Hürden für Bürgerbeteiligung außerhalb von Wahlen deutlich niedriger zu legen.
Volksabstimmungen müssen zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Politik in Baden-
Württemberg werden. Die Bürgerinnen und Bürger müssen zur aktiven Beteiligung an der Politik
in unserem Land motiviert werden. Konkret fordern wir eine deutliche Absenkung der Hürden für
Volksbegehren und die Abschaffung des Quorums bei Volksabstimmungen.
Schnuppermitgliedschaft
Wachstum hat nicht nur etwas mit Wirtschaftszahlen zu tun, sondern auch mit dem Aus-
weiten von Ideen. Weil wir der Überzeugung sind, dass die grünen Ideen die Gesellschaft
der Zukunft nachhaltig gestalten werden, wollen wir neue Köpfe zum Mitdenken und Mit-
machen gewinnen.
Wir würden uns freuen, wenn Sie Teil unseres konkreten Gruppenwachstums hier im Zaber-
gäu sein würden und bitten Sie deshalb unser Angebot der Schnuppermitgliedschaft
anzunehmen.
kontakt@gruene-zabergaeu.de oder telefonisch bei den unten aufgeführten
AnsprechpartnerInnen

Naturparkzentrum
Einweihung des Naturparkzentrums an der Ehmetsklinge
Am Wochenende wurde mit großem Aufwand das Naturparkzentrum an der Ehmetsklinge in Zabergäu eingeweiht und auch die Zabergäu-Grünen verlegten ihren monatlichen Frühschoppen an diesem Sonntag dorthin, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Im Vorfeld war der Bau schließlich als eine Art Umweltschutzmaßnahme dargestellt worden. Tatsächlich findet sich dort eine Menge Material, Kindern, aber auch Erwachsenen, die Natur näher zu bringen und auf dem Dach prangt eine Photovoltaikanlage. Damit war der ökologische Aspekt jedoch schon vorbei, denn auch wenn der Name es suggeriert: ein Naturpark hat keine Qualität hinsichtlich eines echten Naturschutzes, sondern ist eine rein touristische Einrichtung. Wenn Ministerialdirektor Dr. Rittmann als Vertreter des Landes die sieben Naturparke Baden-Württembergs hervorhebt, dann lenkt er damit den Blick vor allem darauf, dass es im Land um den Umwelt- und Naturschutz eher schlecht bestellt ist. So gibt es anders als in bedeutend ärmeren Bundesländern hier keinen Nationalpark mit seinem besonders hohen Schutzstatus.
Auch das Naturparkzentrum an der Ehmetsklinge ist einen zweiten Blick wert, schließlich wird das Gebäude mit Erdwärme beheizt, was erhebliche Mengen Strom für die Wärmepumpen benötigt. Erst wenn dafür Ökostrom aus regenerativen Quellen bezogen wird, kann man von einem Gewinn für die Umwelt sprechen. Angesichts der Tatsache, dass diese Anlage von der EnBW mit ihrem hohen Atomstromanteil gesponsert wurde, ist eher zu befürchten, dass der Strom direkt vom GKN kommt, was abgesehen vom Gefahrenpotenzial für die Menschen jetzt unzählige Generationen über Zehntausende von Jahren mit weiterem atomaren Abfall gefährdet. Wenn also die Naturparkverwaltung bzw. die Gemeinde Zaberfeld sich zum Bezug von Ökostrom entschließen würden, wäre ihnen unser Beifall gewiss.
Dass dies aber wohl kaum beabsichtigt ist, zeigt ein Erlebnis am Rande. Neben Ständen von Naturschutzverbänden und solchen mit Bio-Waren trug der Zaberfelder Ex-Gemeinderat Uli Stiefel mit seiner Gitarre selbst gedichtete Lieder mit atomkritischem Inhalt vor. Dies veranlasste den Zaberfelder Bürgermeister Michler dazu, gegenüber Uli Stiefel einen Platzverweis auszusprechen. So handelt jemand, der gegenüber der EnBW mehr als willfährig ist und Kritik mundtot machen möchte. Uli Stiefel will seine Protestaktion dessen ungeachtet jeden Sonntag bis zur Wahl am 7. Juni fortsetzen.







